
Sehr geehrte Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser,
eine verlässliche Prognose über die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Monaten und deren Auswirkungen auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu geben, fällt in diesen Tagen sehr schwer. Sicher, momentan mehren sich die Stimmen über eine Aufhellung der Krisenstimmung. Ob diese aber ausreicht und die erwarteten negativen Auswirkungen auf die Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation ausbleiben, scheint zurzeit noch sehr fraglich. Die Industriegewerkschaft Metall und das deutsche Handwerk rechnen für 2010 mit erheblichen Problemen auf dem Lehrstellenmarkt. Nach Schätzungen der IG Metall wird es in der Metall- und Elektrobranche mindestens zehn Prozent weniger Ausbildungsplätze geben. Andererseits erwartet der Zentralverband des Deutschen Handwerks in diesem Jahr einen erheblichen Lehrlingsmangel.
Demografischer Wandel
Weitaus verlässlicher, aber auch langfristiger zu sehen, ist eine Prognose zum demografischen Wandel der Altersstruktur unserer Gesellschaft. Bedingt durch den Rückgang der Geburtenraten wird die Zahl der Schulabgänger in den nächsten Jahren kontinuierlich abnehmen.
So zeigt die Bilanz für das Ausbildungsjahr 2008/09 einen deutlichen Rückgang der Neubewerber gegenüber dem Vorjahr um 14,9 Prozent. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen ging dagegen nur um 0,6 Prozent zurück. Trotzdem wissen wir, dass nicht jeder Bewerber einen Ausbildungsplatz findet, aber, und das scheint wichtig festzustellen, der demografische Wandel ist am „jüngeren Ende des Ausbildungsmarktes“ bereits angekommen.
Die Zahl der geburtenstarken Jahrgänge neigt sich dem Ende zu, und das in einer Zeit, in der die Unternehmen dringender denn je qualifizierten Nachwuchs brauchen. Die Ausbildung der Jugendlichen und die Erschließung der Potenziale auch von vermeintlich benachteiligten Jugendlichen ist deshalb das Gebot der Stunde, denn nur wer heute ausbildet, verfügt morgen über die dringend benötigten Fachkräfte. Aber nicht nur die Zahl der Schulabgänger wird abnehmen, sondern ihre Qualifikation wird sich ändern. Nach Daten der Bundesanstalt für Arbeit und des Statistischen Bundesamtes verließen in Gesamtdeutschland im Jahre 2005 74.000 mehr Hauptschüler als Abiturienten die Schule. Im Jahr 2020 wird geschätzt, dass 50.000 mehr Abiturienten als Hauptschüler die Schule verlassen.
Auch in Bayern wenden sich immer mehr leistungsstarke Jugendliche Vollzeitschulen und Hochschulen zu. So erreichten die Schülerzahlen an der Fachoberschule im Schuljahr 2008/09 mit 38.049 einen neuen Höchststand, ebenso erhöhte sich die Zahl der Berufsoberschüler auf 12.065. Diese Tatsache stellt die Berufliche Oberschule vor erhebliche Herausforderungen.
Andererseits führen eine geringere Zahl von Schulabgängern aus den Zuliefererschulen, eine zurückgehende Zahl von Jugendlichen, die an der Ausbildung interessiert sind, und einige sehr differenziert und eng geschnittene Berufe zu einer Gefährdung eines flächendeckenden Berufsschulunterrichts.
Diese Entwicklung gilt es, aus Sicht des VLB genau zu beobachten und konstruktiv entsprechende Konzepte zu entwickeln, um sowohl die Attraktivität der Ausbildung für die Jugendlichen als auch für Betriebe zu erhöhen. Dabei gilt es zu beachten, dass bereits jetzt Betriebe die Fülle von Anforderungen an Ausbildungsberufe häufig nicht mehr bewältigen können.
Bildung und Ausbildung werden also weiterhin für Diskussion sorgen, denn Nationen werden künftig nicht mehr an ihren Rohstoffen gemessen, sondern inwieweit ein Staat und hier insbesondere dessen Schulen es schaffen, seine Bürger bestmöglich zu fördern. Dazu versuchen Schulen ihre Anstrengungen immer wieder zu verstärken. Lehrkräfte zeigen ihren Schülerinnen und Schülern Wege auf, sie unterstützen sie beim Aufbau von Kompetenzen und helfen ihnen beim Erwerb von Wissen.
Universitätsschulen
„Wer lehren will muss wissen, wie lernen funktioniert“ eine Grundthese die Professor Dr. Detlef Sembill, Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, sehr ernst nimmt. Deshalb will er, ähnlich wie schon sein Kollege in Nürnberg , Prof. Dr. Karl Wilbers, (vgl. vlb akzente 10/2009, Der neue Nürnberger Weg im wirtschaftspädagogischen Master) eine engere Verzahnung von Lehre und Praxis, die in Zusammenarbeit der Uni mit den Universitätsschulen eine neue Basis finden soll. Ziel des Projektes ist es nicht nur, die Studenten frühzeitig – nach dem ersten oder zweiten Semester – an die Schulen zu bringen.
Die Erkenntnisse, die während des Pilotprojektes gemacht werden, sollen auch „systematisch in die Lehrerbildung eingebracht werden“, betonte Sembill. Professor Detlef Sembill überreichte am 15. Dezember dem Leiter der Kaufmännischen Berufsschule, Dr. Peter Höfer, in Bayreuth die Anerkennung als Universitätsschule.
Bildungsbericht Bayern 2009
Der zweite Bildungsbericht trägt den Titel „Bildungsbericht Bayern 2009“ und wurde vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus herausgegeben. Er enthält Informationen aus vielen zentralen Bereichen des Schulwesens. Im Vergleich zum ersten Bericht aus dem Jahr 2006 ist erfreulicherweise u. a. eine systematische Bestandsaufnahme des beruflichen Schulwesens hinzugekommen. Mit der Broschüre „Bildungsbericht Bayern 2009 – 14 zentrale Ergebnisse“ steht außerdem eine Zusammenfassung zur Verfügung, die einen raschen Zugang zu einigen besonders wichtigen Themengebieten ermöglicht. Die Zusammenfassung und der komplette Bildungsbericht sollen nach Angabe des ISB in Kürze auch kostenlos von der ISB-Homepage heruntergeladen werden können.
Ihr
Jürgen Wunderlich
VLB-Landesvorsitzender





