Antrittsvorlesung an der Nürnberger WiSo-Fakultät:
Die Überschrift nennt das Thema, welches Prof. Dr. Josef Aff in seiner öffentlichen Antrittsvorlesung Anfang Juni an der Nürnberger Uni behandelte. Im Untertitel hieß es ganz konkret: „Folgerungen für das Forschungs- und Lehrprogramm der Nürnberger Wirtschaftspädagogik“. Aff, Jahrgang 50, versteht sich als Praktiker und Theoretiker zugleich. Dieses Selbstverständnis ergibt sich u.a. aus seinem beruflichem Werdegang, der in Wien begann. In seiner österreichischen Heimat unterrichtete er an Handelsschulen und Handelsakademien und holte sich dabei die schulpraktischen Erfahrungen, die ihm heute so hilfreich sind. Sukzessive wuchs er in die Lehrerbildung hinein; Wien und Innsbruck waren dabei entscheidende Stationen. 1995 folgte die Berufung auf den Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik in Köln und seit dem 1. 4. 2002 leitet er den „Lehrstuhl für Wirtschaftpädagogik und Personalentwicklung“ an der Nürnberger Uni.
Zu Beginn seiner Vorlesung verwies Aff auf die Dialektik des Lehrerberufs: Einerseits müssen die Schüler für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, andererseits habe die Schule pädagogischen Ansprüchen zu entsprechen. Die Bildungspolitik dürfe jedenfalls „kein Schmiermittel der Wirtschaftspolitik“ sein, sagte Aff. Seine Vorstellung von Lehrerbildung fuße in der Aufklärung, genauer gesagt bei Kant. Überaus anschaulich arbeitete er den „homo oeconomicus“ (z.B. eines Milton Friedman) heraus, um diese „Turbovariante“ dann den Vorstellungen sozialverantwortlicher Wirtschaftstheoretiker mit ihrem Empfinden für Fairness und Wohlfahrt gegenüber zu stellen. Da Wissenschafts-orientierung ein entscheidendes fachdidakisches Kriterium sei, verwies der Referent auf die Bedeutung unterschiedlicher betriebswirtschaftlicher Ansätze (von der klassischen BWL mit ihrem Erklärungs- und Anwendungsbezug bis hin zu ethisch-normativen Konzepten) bei der Unterrichtsgestaltung.
Diesen differenzierenden Bezug bezeichnete er als zentrales didaktisches Anliegen. „Die Anknüpfung der Fachdidaktik an verschiedene Lehrmeinungen ist ein wesentlicher Aspekt der Unterrichtsgestaltung“, erklärte der Referent.
Wissenschaftsorientierung setze er nicht gleich mit linearer Ableitung der wissenschaftlichen Lerninhalte. „Eine verkürzte Interpretation des Wissenschaftsprinzips ist u.a. die Ursache für die schlechte Reputation des Frontalunterrichts, der vielfach als langweilig, abstrakt und lebensfern wahrgenommen wird“, sagte Aff.
Im zweiten Teil seiner Ausführungen beschäftigte sich der Referent mit dem fachdidaktischen Anliegen „Reduktion und Transformation“ und stellte – exemplarisch – die curriculare Strategie von Kaminski vor. Dieser empfiehlt eine methodisch gestützte Reduktion komplexer Zusammenhänge und orientiert sich vor allem am theoretischen Konzept der Ökonomik. „Der archimedische Punkt seines Ziel-Inhalt-Konzeptes ist die jeweilige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auch die Moral bestimmt“, sagte Aff. In Anlehnung an die Ökonomik finde man bei Kaminski Fragen zur Bestimmung gegenwärtiger und zukünftiger Lebenssituationen und somit ökonomischer Inhalte:
Wie beispielsweise agieren Individuen (Handlungstheorie)? Wie arbeiten sie mit anderen Akteuren zusammen (Interaktionstheorie)? Oder: Wie wirkt sich dies unter den Regeln der Institutionen (Institutionentheorie) aus?
Im Gegensatz zur Strategie von Kaminski, tritt Aff für einen „aufgeklärten Eklektizismus“ ein, wenn es darum geht, inhaltliche methodische Entscheidungen für Lehrplan und Unterrichtsgestaltung zu treffen. Im Rahmen curricularer Aspekte spiele die Lehrerpersönlichkeit eine zentrale Rolle. Wie Hartmut von Hentig beispielsweise, sieht Aff im Lehrer den entscheidenden Curriculum-Faktor.
„Die Unterrichtsarbeit ist Beziehungsarbeit zwischen Lehrenden und Lernenden“, sagte Aff. Deshalb halte er es für unverzichtbar, auch die Kommunikationswissenschaften als Bezugswissenschaft ins Studium der Wirtschaftspädagogik zu integrieren. „Der Lehrer ist eben nicht nur Experte für die Vermittlung ökonomischer Zusammenhänge und die Organisation von Lernprozessen, sondern hochgradig auch Kommunikationsarbeiter“.
Lehrerbildung sei letztlich konsequente Förderung der Lehrerpersönlichkeit. Dies komme auch in der neuen Bezeichnung seines Lehrstuhls „Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung“ zum Ausdruck.
Sein Grundverständnis von einer zukunftsorientierten ökonomischen Bildung machte Professor Aff am Schluss seiner Vorlesung deutlich und wählte dazu das Beispiel der Puma AG: Das Unternehmen hatte 2002 den Netzwerkpreis für Wirtschaftsethik erhalten, weil es ihm gelang, eine vorbildliche ökonomische Rationalität (wachsende Gewinne und Umsätze) mit „lebenspraktischer Vernunft“ zu verknüpfen. Sowohl im Stammhaus als auch bei den Zulieferern wurden strenge ökologische und ethische Standards eingehalten.
Die engagiert-dynamische Vortragsweise, der charmant wienerisch eingefärbte Sprachduktus, vor allem aber das anspruchsvolle fachliche und intellektuelle Niveau ließen Affs Antrittsvorlesung zu einem echten Genuss werden. Seine Vision von wirtschaftspädagogischer Arbeit im Spannungsfeld zwischen Rationalität und Verantwortung entspricht exakt dem Berufsverständnis der Kolleginnen und Kollegen in den wirtschaftsberuflichen Schulen. Der VLB freut sich auf eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Josef Aff und seinem Lehrstuhl.