Das Bildungssystem in Österreich
Dietmar Leischner


In den 9 Bundesländern Österreichs wohnen ca. 8,1 Millionen BürgerInnen; davon besuchten nach der österreichischen Schulstatistik im Jahre 2002 insgesamt 1 209 127 Schülerinnen und Schüler allgemeinbildende und berufsbildende Schulen. In 6 022 Schulen unterrichten derzeit 124 239 Lehrer und Lehrerinnen.

Das gesamte Schulwesen Österreichs wurde im Jahre 1962 neu geordnet und auf eine breite gesetzliche Grundlage gestellt. Ständige Verbesserungen und notwendige Anpassungen der Bildungsziele an technische, wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Veränderungen sowie Novellierungen der Schulgesetze in den letzten Jahren waren die Grundlage für ein differenziertes Bildungssystem. So bestand für das berufsbildende Schulwesen die Möglichkeit, unter dem Namen „Berufspädagogische Institute“ zahlreiche Fortbildungseinrichtungen zu schaffen.

1. Die Schulpflicht

Die allgemeine Schulpflicht beginnt mit Vollendung des 6. Lebensjahres und dauert neun Schuljahre (bis zum 15. Lebensjahr). Zur Erfüllung der Schulpflicht können in Österreich – ähnlich wie in Deutschland – verschiedene Schularten besucht werden (siehe Grafik Seite 9).

2. Die Schularten

Das Bildungssystem Österreichs ist gekennzeichnet von einer Vielfalt von Bildungsmöglichkeiten; man unterscheidet dabei zwischen allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen. Bezeichnend ist jedoch der hohe Anteil jener Schüler, die berufsbildende mittlere und höhere Schulen besuchen. Nach einer Statistik im Jahre 2002 besuchten

2.1 Allgemeinbildende Pflichtschulen und Berufsbildung

Die allgemeine Schulpflicht wird erfüllt durch den Besuch folgender Schularten: 1. bis 4. Jahr: Besuch der Grundschule oder Sonderschule,

5. bis 8. Jahr: Besuch der Hauptschule, der allgemeinbildenden höheren Schule, einer Gesamtschule, der Volksschuloberstufe oder einer Sonderschuloberstufe,

9. Schuljahr: Besuch der polytechnischen Schule, einer berufsbildenden mittleren Schule, der Bildungsanstalt für Kindergarten- bzw. Sozialpädagogik, einer berufsbildenden höhere Schule, des Oberstufenrealgymnasiums oder Weiterbesuch der allgemeinbildenden höheren Schule.

Durch die Differenzierung im 9. Pflichtschuljahr sind besondere Übertrittsverfahren, Einstufung in Leistungsgruppen für höhere Schulen, verpflichtender Förderunterricht, Sonderformen der Hauptschule und Schwerpunktfächer vorgesehen. Sonderschulen haben eigene Lehrpläne und berücksichtigen sonderpädagogische Bereiche.

In der Polytechnischen Schule wird allen Schülern in den ersten beiden Monaten des Schuljahres eine verpflichtende Orientierungsphase geboten, die dazu dient, die eigenen Fähigkeiten, Interessen und Neigungen zu erfahren im Hinblick auf das praktische Leben und die Berufswahlentscheidung. Sie ist im Sinne einer Berufsvorbildung zu sehen, wobei die Schüler sich für einen der folgenden beruflichen Fachbereiche entscheiden können: Technische Berufe, kaufmännische Berufe, human-kreative Berufe/Tourismus sowie Berufe im Bereich der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien.

2.2 Allgemeinbildende höhere Schulen

Die allgemeinbildende höhere Schule umfasst 8 Schuljahre (4-jährige Unterstufe und 4-jährige Oberstufe) und schließt mit der Reifeprüfung (Matura) ab. Durch das Reifeprüfungszeugnis wird die Berechtigung zum Studium an allen Universitäten und Hochschulen erworben, außerdem Berechtigungen für den Öffentlichen Dienst. In die allgemeinbildenden höheren Schulen wird jedes Kind aufgenommen, das die 4. Klasse Volksschule erfolgreich abgeschlossen hat (in Deutsch, Mathematik und Lesen mit der Note „sehr gut“ oder „gut“ oder durch eine Aufnahmeprüfung). Formen der allgemeinbildenden höheren Schulen sind beispielsweise:

Im Oberstufenrealgymnasium werden u.a. spezielle Fremdsprachen, Instrumentalmusik, bildnerisches Gestalten, Werkerziehung, Biologie, Umweltkunde sowie mehr Sport als „Wahlpflichtgegenstände“ angeboten.

2.3 Berufsbildende Schulen

Im berufsbildenden Schulwesen unterscheidet man in Österreich zahlreiche Schularten (siehe Grafik Nr. 4 bis 8):

a) Die polytechnische Schule

bietet eine Orientierungsphase für das spätere Leben, insbesondere das Berufsleben in Form einer Berufsorientierung und Berufsgrundbildung. Durch schulautonome Gestaltungsmöglichkeit kann jede Schule ein für die Region und die Schülerinteressen passendes Angebot erstellen.

b) Berufslehre und Berufsschulen

Nach der polytechnischen Schule können die Schüler eine Berufsausbildung in einem der ca. 250 Lehrberufe anstreben. Wie in Deutschland erfolgt die Berufsausbildung im dualen Ausbildungssystem: Praktische Ausbildung in einem Betrieb; der fachtheoretische und betriebswirtschaftliche Unterricht findet an mindestens einem Tag/Woche in der Berufsschule statt. Die Zahl der Schuljahre richtet sich nach der festgesetzten Ausbildungsdauer des gewählten Berufes (2 bis 4 Jahre). Durch das Deutsch-Österreichische Abkommen sind 204 österreichische Lehrabschlussprüfungen mit 330 deutschen Abschluss- und Gesellenprüfungen gleichgestellt.

c) Berufsbildende Mittlere Schulen (BMS)

Es sind Vollzeitschulen, die nach der erfolgreichen 8. Schulstufe neben einer fundierten Allgemeinbildung die Ausbildung zu bestimmten Berufen vermitteln. Diese schulische Berufsausbildung dauert je nach Berufsziel ein bis vier Jahre; dabei wird in ein bis zwei Jahren Ausbildungsdauer eine teilweise, mit drei oder vier Jahren eine abgeschlossene Berufsausbildung vermittelt.

Nach den Lehrabschlüssen können Aufbaulehrgänge bzw. Vorbereitungslehrgänge besucht werden, die zur Reifeprüfung führen. Weiterbildungsmöhlichkeiten bieten sich in Form von Werkmeister- und Meisterschulen sowie Speziallehrgängen.

d) Kollegs

Die Kollegs sind zweijährige gehobene Berufsausbildungen entsprechend den berufsbildenden höheren Schulen bzw. Bildungsanstalten. Fachrichtungen sind z.B. Bautechnik, Chemie, Design, Druck- und Medientechnik, Elektrotechnik, EDV, Fotografie, Facility Management, Innenraumgestaltung und Holztechnik, Kindergartenpädagogik, wirtschaftliche Berufe, Maschinenbau, Mode und Bekleidungstechnik, Tourismus und Freizeitwirtschaft, Wirtschaftsingenieurwesen u.a. Aufnahmevoraussetzung ist jeweils eine Reifeprüfung, Berufsreifeprüfung oder Studienberechtigungsprüfung. Es gibt auch spezielle Formen für Absolventen facheinschlägiger vierjähriger Fachschulen.

e) Akademien

Es sind Schulen mit einer dreijährigen gehobenen Berufsausbildung im Bereich der Lehrberufe, der Sozialarbeit bzw. des Gesundheitswesens.

f) Bildungsanstalten und Lehrerbildung

Erzieher- und Lehrerbildung erfolgen in Osterreich vorwiegend nicht an Universitäten: An Pädagogischen Akademien für Volks-, Haupt- und Sonderschullehrer und Lehrer für die Polytechnische Schule; an Bildungsanstalten (Ausbildung zum/zur Kindergärtner/in bzw. für Sozialpädagogik); an berufspädagogischen Akademien (Lehrer für hauswirtschaftlichen, technischen/gewerblichen und kaufmännischen Fachunterricht an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen und Berufsschulen).

g) Berufsbildende  höhere Schulen (BHS)

Diese Schulen vermitteln in fünf Jahren neben einer fundierten Allgemeinbildung eine höhere berufliche Ausbildung. Diese BHS ersetzen Lehrabschlussprüfungen und schließen mit einer Reife- und Diplomprüfung ab, die zum Studium an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien berechtigen.

Die bekanntesten berufsbildenden Höheren Schulen sind:

h) Erwachsenenbildung und „Zweiter Bildungsweg“

Personen, die bereits in das Berufsleben eingetreten sind oder eine Berufsausbildung abgeschlossen haben, können neben einer Berufstätigkeit in Form eines Abendunterrichtes entsprechende Bildungsabschlüsse erwerben; sie reichen von Aufbaulehrgängen bis zu Fachhochschulstudiengängen. Einrichtungen der Erwachsenenbildung (Volkshochschulen, Berufsförderungsinstitute, regionale und konfessionelle Institutionen) bieten allgemeinbildende und berufsbildende Kurse an. Eine wichtige Aufgabe ist dabei das Nachholen von Bildungsabschlüssen im Rahmen des „zweiten Bildungsweges“ und des „lebenslangen Lernens“ (Beamtenaufstiegsprüfungen, Externistenreifeprüfung, Berufsreife-Prüfung, Studienberechtigungsprüfung).            <



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