Studienfahrt des VLB-Bildungswerkes nach Österreich:
Die angespannte Wirtschaftslage lässt befürchten, dass die Betriebe nochmals weniger Ausbildungsplätze im Juli 2003 anbieten. Nach Angaben der Kammern und der Unternehmen ist mit einem Rückgang des Lehrstellenangebots von ca. 10 bis 15 Prozent zu rechnen.
Nachdem im Nachbarland Österreich ähnliche Probleme der Berufsausbildung bestehen, war es für die Teilnehmer an der Studienreise wichtig zu erfahren, welche Möglichkeiten der Berufsausbildung bzw. einer Berufsperspektive dort angeboten werden.
Neben der dualen Berufsausbildung, die zur Zeit von etwa einem Drittel aller Jugendlichen wahrgenommen wird, bestehen in Österreich zwei weitere Ausbildungsangebote in beruflichen Vollzeitschulen: Berufsausbildung in Berufsbildenden Mittleren Schulen (BMS) und in Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS).
Im Pädagogischen Institut des Bundes
Der ehemalige Direktor des Pädagogischen Instituts, Hofrat Dr. Gerold Heckle, begrüßte die Teilnehmer, informierte über das Institut und gab einen Überblick über das österreichische Schulsystem und das duale Ausbildungssystem.
So gibt es keinen „Mittleren Schulabschluss“ bzw. keine „Mittlere Reife“, sondern alle Bildungsgänge sind nach oben durchlässig und werden zum größten Teil mit der Reifeprüfung (Matura) beendet. „Die Matura ist zur Lebensanschauung geworden, sagte Heckle“.
Der Pflichtunterricht in der Berufsschule wird für einen Lehrberuf oder für mehrere Lehrberufe in folgenden Organisationsformen durchgeführt:
Als ganzjährige Berufsschule mit mindestens einem Schultag pro Woche,
als lehrgangsmäßige Berufsschule mit mindestens einem achtwöchigen Lehrgang in jeder Schulstufe,
andere Organisationsformen (Blockunterricht, 2 Schultage zu je 8 Stunden).
Splitterberufe werden landesweit im Lehrgang zusammengefasst.
Die Fächer des 9-stündigen Unterrichts/Woche gliedern sich in „Allgemeinbildende Gegenstände“ (Politik, Deutsch, Fremdsprache, Buchführung) und in „Berufsbezogene Gegenstände“ (Fachtheorie, Praktischer Unterricht/Arbeit).
Die 10. Stunde ist für den „Freigegenstand“ (Sport, Religion) vorgesehen. Die Abschlussprüfung wird von der Prüfungskammer durchgeführt; Mitglieder sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Das Pädagogische Institut des Bundes in Wien beschäftigt sich mit allen Fragen des Schul- und Bildungswesens in Österreich, u.a. Struktur, Organisation und Weiterentwicklung der Schulen, Lehrpläne, Entwicklung von Unterrichtskonzepten, Personalentwicklung, Qualitätsmanagement, Lehreraus- und -fortbildung, Ausbau von Service-Stellen, Erwachsenenbildung, Bildungsberatung u.a.m.
Autonomie
Seit 1993 können die Schulen in einem vorgegebenen Rahmen durch den Schulgemeinschaftsausschuss schulautonome Lehrpläne erlassen. Es werden Freiräume im Bereich der Stundentafel, Unterrichtsinhalte, Lern- und Arbeitsformen, Lernorganisation, Bildung von Schwerpunkten im Bereich der Fremdsprachen u.ä. eröffnet. Der Schulgemeinschaftsausschuss kann auch Eröffnungs- und Teilungszahlen für Klassen festlegen; im Rahmen des Schulzeitgesetzes kann auch an einzelnen Unterrichtstagen schulautonom freigegeben werden.
Lehrer
Man unterscheidet in beruflichen Schulen zwischen Lehrern der Fachgruppe 1 für allgemeinbildende Fächer, Lehrern der Fachgruppe 2 für Fachtheorie und Lehrern der Fachgruppe 3 für Fachpraxis. Lehrkräfte der Fachgruppen 1 und 2 müssen ein Abitur/berufliches Abitur und einen Lehrabschluss und/oder eine zweijährige Berufspraxis nachweisen. Lehrer der Fachgruppe 3 benötigen eine Meisterprüfung und eine sechsjährige einschlägige Berufspraxis. Zusätzlich erfolgt eine pädagogische Ausbildung.
Organisation und Management
Mag. Dr. Gerhard Schmid, Abteilungsleiter für Berufsschulen des Pädagogischen Instituts des Bundes in Wien, gab einen Einblick in die Schwerpunkte der Organisation und das Management, insbesondere zu den Bereichen Lehrplanarbeit, Unterrichtskonzepte und Qualitätsmanagement.
Neben und im Rahmen der bereits erwähnten Aufgaben steht die internationale Bildungskooperation – Fragen der europäischen Zusammenarbeit – sehr stark im Vordergrund. Kompetenz-Zentren und bestimmte Projekte im Rahmen der Osterweiterung, didaktische Beratung in Polen, CSSR und Jugoslawien sowie Bildungskooperation im Nahen Osten und Studienreisen nach New York und Brüssel stehen auf dem Programm. Damit die Schüler zukunftsorientiert die besten Bildungsangebote erhalten, sollen Programme für Lehrerbildung, internationale Vernetzung, bessere Zusammenarbeit mit Firmen und Unternehmensverbänden, Fach- und Fremdsprachenseminare, Integrationspädagogik, Qualitätsmanagement, Projektmanagement „Austria“, Sponsoring, Synergien zwischen Behörden und Schulen, EDV und Controlling, Konfliktmanagement, Schulrecht, Unterrichtsbeobachtungen, Führungskräfte-Seminare, Schulleiterfortbildungen u.a. erarbeitet und konsequent durchgeführt werden. Eine weitere Zielvorgabe ist es, die Institutionen der Lehrerbildung bis zum Jahre 2007 in Pädagogische Hochschulen umzuwandeln.
Zentralberufsschule 3 in Wien
Diese Berufsschule ist eine der acht Zentralberufsschulen in Wien. Sie bildet Jugendliche für Berufe im Gastgewerbe, Textilbereich, Gesundheitswesen und kaufmännischen Bereich aus. Die Zentralberufsschule ist in die genannten Abteilungen gegliedert. Es gibt Klassen mit Ganzjahresunterricht, Blockunterricht und Lehrgangsunterricht, Schüler mit Doppel-Lehre, Schüler mit einem Ausbildungsvertrag mit einem „Freien Träger“, Freigegenstände für Sprachen, Sport, Förderunterricht und Religion.
Besonderheiten und „Highlights“ der Berufsschule sind: Schüleraustausch mit einer Schule in Helsinki, Projekt „Einrichtung eines Zahntechniklabors im medizinischen College Lipezk/RUS“. Vorlehre Damenschneider, Integrationsklassen für Behinderte, Projekt Tierpfleger und Tier als Therapiehelfer, Meditation für Schüler/innen, kaufmännisches Projekt mit Rumänien, Vorbereitung für die Konditor-Meisterprüfung, Seminar für Konditoren und Bäcker aus Japan u.a.
Lehreraus- und -fortbildung
Mit den Worten „Vorbildfunktion der Lehrkräfte ist äußerst wichtig“, erläuterte Ing. Mag. Gerhard Pahr, zuständig im pib für die Lehrerbildung, mit großem Engagement die gegenwärtige und zukünftige Lehreraus- und -fortbildung.
Sehr wichtig sind für alle Lehrkräfte drei Bereiche: Pädagogik, Fachkompetenz und Humankompetenz. Zu diesen Grundbereichen spielen EDV-Kenntnisse und die Ausbildung im fachspezifischen Englisch eine wichtige Rolle.
Anhand von Plänen für Lehrer-Studiengänge werden die Einzelheiten zur Lehrerbildung erläutert (Humanwissenschaften, Fachdidaktik und Schulpraktikum, Fachwissenschaften, Ergänzende Studien sowie Lehrveranstaltungen für Heimerziehung, Englisch, Deutsch, Sport, Politik, Gesundheit, Rhetorik, Europa).
Lehrlingsstiftungen
„Lehrlingsstiftungen, Aktionen der Lehrstellenvermittlung, Integration von Jugendlichen mit besonderen Bedürfnissen“ war das Thema von Frau Prof. Mag. Heide Manhartsberger, Informationszentrum für Fragen der Behindertenintegration.
„Lehrlingsstiftungen“, die es in Österreich seit 6 Jahren gibt, sind Lehrgänge für Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag, sozial Benachteiligte, Sonderschulabsolventen, Behinderte, Arbeitslose usw. Über 3 000 arbeitslose Jugendliche (incl. Ausländeranteil) werden beraten und betreut; in den Integrationsklassen mit 24 Schülern werden jeweils 4 Behinderte betreut, in jedem Landesschulamt ist ein Psychologe tätig, Sonderpädagogen werden innerhalb von 2 Jahren in 5 Modul-Lehrgängen ausgebildet.
Die Mittel der Bundessozialhilfe und Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds reichen nicht aus, um die vielschichtigen Probleme in Form von Lehrlingsstiftungen und Integrationsprozessen zu lösen. Frau Manhartsberger appellierte an alle in der Berufsbildung Verantwortlichen für mehr Einsatz für die Benachteiligten, denn „volkswirtschaftlich rechnet sich jeder Untergebrachte“.
Höhere Lehranstalten und Handelsakademien – attraktive Möglichkeiten der Berufsausbildung
Höhere technische Lehranstalten, Handelsakademien, Höhere Lehranstalten für verschiedene Berufsbereiche und Kollegs gehören zu den Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS).
Diese Schulen bieten den Schülern eine höhere Berufsbildung und umfassende Allgemeinbildung. Die Absolventen der fünfjährigen Ausbildung erhalten eine Doppelqualifikation, die den unmittelbaren Zugang zu facheinschlägigen Berufen und gleichzeitig durch die Hochschulreife den Zugang zu allen Studiengängen ermöglicht.
Näheres erfuhren die Teilnehmer beim Besuch der Höheren Technischen Lehranstalt für Informationstechnologie & Elektronik, Technische Informatik, Telekommunikationstechnik und Netzwerktechnik. Der HTL angegliedert sind drei Fachschulen:
Meisterschule (nach zwei Jahren), Abendlehrgang Elektronik (6 Semester) und ein Fachhochschulstudium (mit Vorbereitungslehrgang).
In den 4 Abteilungen werden von 170 Lehrkräften ca. 1 600 Schüler (davon 1 350 Tagesschüler) ausgebildet. Schwerpunkte der Ausbildung sind ein aktueller Praxisbezug und in höheren Klassen die Theorie. Das Verhältnis von Allgemeinbildung zu Fachbildung beträgt 30 zu 70 %. Deshalb sind neben den Unterrichtsräumen für Theorie vor allem Labors, Werkstätten zur Produktion und eine Übungsfirma eingerichtet. Die Übungsfirma entstand vor ca. 14 Jahren und wird im Rahmen zunehmender Europa-Orientierung und Globalisierung ständig weiterentwickelt. Auch die Werkstätten werden der technischen Entwicklung entsprechend ausgebaut.
Ergänzend zur schulischen Ausbildung sind in der unterrichtsfreien Zeit vor Eintritt in die 5. Jahrgangsstufe mindestens 8 Wochen Betriebspraktikum vorgeschrieben. Der Projektunterricht (Gemeinschaftsarbeit mit Firmen) führt zu guten Kontakten und hilft den Schülern bei der praktischen Umsetzung von betrieblichen Aufgaben.
Mit dem Schulleitbild „eine ganzheitliche, qualitativ hochwertige Ausbildung, getragen von den drei Säulen: Sachkompetenz, Persönlichkeitsentwicklung und Praxisnähe“ werden alle Jugendlichen mit einem „positiven Abschlusszeugnis“ der 8. Schulstufe einer Hauptschule oder einer Allgemeinbildenden Höheren Schule angesprochen. Der Anteil der Schüler aus der AHS beträgt ca. 60 %. „Wir sind in der HTL, weil wir keine Lehrstelle gefunden haben und diese Schule eine sehr gute Berufsausbildung bietet“, äußerte ein Schüler; „und wir können direkt nach der Ausbildung eine Berufstätigkeit aufnehmen“ ergänzte eine Schülerin. Weitere Argumente der Schüler/innen waren:
Betriebe stellen gerne HTL-Absolventen ein,
aufgrund unserer fachspezifischen Fremdsprachenkenntnisse können wir auch im Ausland arbeiten,
außerdem können wir mit der Reifeprüfung (Matura) nach der 5. Jahrgangsstufe ein Universitäts- oder Fachhochschulstudium beginnen.
Erstaunlich hoch ist die Motivation der Schüler durch den Praxisbezug und entsprechender Handlungsorientierung sowie der Möglichkeit, den Fachunterricht in englischer Sprache zu erhalten. Auch die von der Schule angebotenen „Highlights“ sorgen für Motivation: Sportwochen, Sprachwochen im Ausland, Projektunterricht, Kommunikations- und Präsentationstechnik, Computer-Based-Training, Übungsbank, Übungsfirmen, Management-Seminare, Kletterwand, Tauchkurse, Mopedführerschein, Schach, Multimedia, Solarmobil, 2 Schulbuffets.
Warum die Höhere Technische Lehranstalt so erfolgreich ist, beantwortet Schulleiter OStR Dipl.-Ing. Wolf Dieter Strasser mit folgenden Worten: „Für uns steht der Mensch in seiner Gesamtheit und Individualität im Mittelpunkt. Ökologische Gesichtspunkte sind Grundlage unseres Handelns. Der Unterricht erfolgt lernzielorientiert mit modernen Methoden in einer angenehmen Atmosphäre. Eigenverantwortung und ständige Lernbereitschaft ermöglichen den Absolventen, den sich ändernden Anforderungen der Gesellschaft und Arbeitswelt gewachsen zu sein.
Höhere Technische Lehranstalten und Handelsakademien bieten eine Vielfalt von Berufsausbildungen an, erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit, so dass in Österreich bereits über 30 % der 15-jährigen Jugendlichen diesen Bildungsweg wählen.
Wäre diese Ausbildungs-Alternative auch für das bayerische Bildungswesen und die Unternehmen in Industrie und im Handwerk nicht auch ein lohnendes Angebot?